«hommage» – März 2009

Datum: Samstag, 14. März 2009, 20 Uhr, 19:15 Uhr Konzerteinführung mit Raphael Immoos und dem aob

Ort: Martinskirche, Basel

Solisten:

  • Hansjürg Rickenbacher, Tenor
  • Martin Roos (Horn)

Leitung:

  • Raphael Immoos

Programm:

  • Charles François Gounod (1818–1893): Petite symphonie für Bläser
  • Benjamin Britten (1913–1976): Serenade für Horn, Tenor und Streichorchester
  • Barry Mills (*1949): Homage (für das Akademische Orchester Basel)

 

Zum Programm: “Hommage”

Wie entstehen Kompositionen und weshalb? Das aob hat sich als Aufgabe gesetzt, drei Kompositionen aufzuführen, die alle auf Grund einer Widmung – einer Hommage – zustande gekommen sind. Dazu zählt die berühmte und grossartige Petite Symphonie des schwelgerischen französischen Meisters Charles Gounod, der um 1885 eine Sinfonie den besten Bläsern Frankreichs widmete, welche sich in der société de musique de chambre pour instruments a vent zusammenschlossen. Die Petite Symphonie ist mit Recht das berühmteste Bläserensemble‐Stück des 19. Jahrhunderts und hat viel zur Popularität des beliebten französischen Komponisten beigetragen.

Serenade lautet der schlichte Titel eines Stückes des bekanntesten englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, Benjamin Britten. Im Gegensatz zu Gounod ist die Serenade nur für Streicher komponiert und somit in dieser Kombination ein interessanter Farbtupfer und Ohrenschmaus für das Konzertpublikum. Denn zu den Streichern gesellen sich ein Solo‐Horn (Martin Roos) und ein Solo‐Sänger (Hans‐Jürg Rickenbacher, Tenor). Britten widmete dieses Stück 1944 dem Schriftsteller Edward Sackville‐West, als Hommage an die fruchtbare Zusammenarbeit in The Rescue, einer Radioproduktion mit Libretto des bekannten englischen Schriftstellers.

Den Höhepunkt des Konzertprogramms bildet die Uraufführung der Komposition Homage des Engländers Barry Mills, der seine Widmung gleich doppelt formulierte. Es ist in erster Linie eine Hommage an das aob (Akademisches Orchester Basel), welches mit seinen innovativen Konzerten als profiliertes Amateurorchester regelmässig Grenzen sprengt, experimentiert, Neue Musik verständlich vermittelt und auch ältere, dafür unbekannte und originelle Werke zur Aufführung bringt. In seiner Homage kommen Komponisten vor, welche bereits vom aob gespielt wurden, so eine Hommage an Ravel, Debussy oder Vaughan Williams. Es handelt sich um faszinierende, in neuer Sprache geschriebene, gut verständliche Klangbilder. Barry Mills versteht es, dem Orchester ganz neue Klänge zu entlocken – Klänge, die sich aus der Stille heraus in bezaubernde Klangbilder verwandeln, Klangbilder zum Träumen und Schwelgen, wobei wir wieder bei Charles Gounod angekommen sind, dem «grossen Schwelger» des 19. Jahrhunderts…

Charles Gounod (1818-1893)

Petite Symphonie für 9 Bläser (1885)

Charles Gounod stammt aus einer Künstlerfamilie, der Vater war Maler. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter. Unter seinen ersten Lehrern war Anton Reicha, ein bekannter Komponist aus Prag, der sich in seinem Oeuvre speziell den Bläsern widmete. Dieser bereitete ihn auf sein künftiges Studium am Conservatoire in Paris vor. Vorerst widmete sich Gounod der Kirchenmusik. Um die Musik Palestrinas kennen zu lernen, reiste er nach Italien. Dort bot sich auch die Gelegenheit, die bedeutenden Opern Donizettis und Bellinis hautnah mitzuerleben. Nebst bedeutenden Messen, Kantaten und sogar Oratorien schrieb Gounod auch zahlreiche Opern, darunter die bekannte Faustoper „Margarethe“.

Zurück in Paris war Gounod vorerst Organist, leitete einen Männerchor und war später als einer der bedeutendsten Opernkomponisten tätig. Ebenfalls aus diese Zeit stammen seine beiden grossen Sinfonien für Orchester. Infolge des deutsch-französischen Krieges emigrierte Gounod nach London und lebte dort einige Jahre. Seine leider einzige Bläsersinfonie, bescheiden überschrieben mit Petite Symphonie, schrieb Gounod wiederum in Frankreich. Es handelt sich um eines der berühmtesten Werke für Bläserensemble überhaupt. Bereits die ersten Takte verraten den Opernkomponisten. So beginnen viele Opern, während sich der Vorhang geheimnisvoll öffnet! Einem heiteren Allegretto folgt ein lyrisches Andante cantabile. Es könnte geradezu ein Satz aus einem Flötenkonzert sein mit dem Unterschied, dass hier kein Klavier und auch kein Orchester begleitet, sondern ein agiles Bläserensemble von nur 8 Bläsern. Nach diesem meisterhaften, sinnlichen Variationensatz folgt konsequenterweise ein lebhaftes Scherzo. Die Hörner eröffnen diesen virtuosen Satz und verraten, dass es sich um eine Jagdszene handeln könnte. Finale heisst die Überschrift des letzten Satzes. Unverkennbar wiederum die Vorbereitungstakte wie am Anfang der Sinfonie. Im weiteren Verlauf zeigt sich unmittelbar, dass Gounod nicht nur ein Meister des Schwelgens und der grossen Effekte ist. Hier klingen barocke Vorbilder an, nicht zuletzt Johann Sebastian Bach, welcher Gounod tief verehrte. Gounod zeigt im Finale, dass er die Stimmen nach alter Manier ineinander weben kann. Den Kontrapunkt hat er ja schliesslich gründlich gelernt, spätestens in Italien!

Benjamin Britten (1913-1976)

Serenade for tenor solo, horn and strings, Opus 31 (1943)

1939 verlässt Britten seine Heimat und zieht mit seinem Lebenspartner, dem Tenor Peter Pears, nach Amerika. 1940 zerstörte ein deutscher Luftangriff die Kathedrale von Coventry, einer englischen Industriestadt in den West Midlands. 1942 kehren beide wieder nach England zurück – ein Artikel über den englischen Dichter George Crabbe soll die Entscheidung ausgelöst haben – gross war die Sehnsucht nach dem Heimatland.

Hier entsteht die Serenade in einer bisher nie gehörten Kombination, mit Tenor, Horn und Streicher. Die Tenorpartie ist auf die Stimme seines Partners Peter Pears geschrieben, den Hornpart übernimmt der geniale, junge und leider allzufrüh verstorbene Hornist Dennis Brain. Bei der Auswahl der Gedichte soll der englische Schriftsteller Edward Sackville-West mitgeholfen haben; ihm ist das Werk auch gewidmet.

Das Stück beginnt mit einem Hornsolo, auf den Naturtönen des Instruments beruhend. Alles scheint in bester Ordnung zu sein. Pastoral (Text von Charies Cotton) beschreibt eine Idylle eines Sonnenuntergangs, wie sie ein grosser Romantiker des 19. Jahrhunderts hätten vertonen können. Spätestens in Nocturne (Lord Tennyson)  erfahren wir, dass mit der Dunkelheit die Angst gegenwärtig ist, das Land der Elfen (das Diesseits) meldet sich, die Klänge des Horns ersticken, die Echos sterben, die Natur verstummt. In Elegy (William Blake) erscheint das Horn in verändertem Kleid. Gespenstig kündet es den Tod einer roten Rose an. Von einem „unsichtbaren“ Wurm ist die Rede, der aus geheimer und perverser Liebessucht während eines heulenden Nachtsturms die Schönheit des Lebens auffrisst. Die Geigen schleppen sich mühsam, jedoch stetig vorwärts. Unausweichlich ist das Schicksal. Ein anonymes Gedicht in Form eines mehrstrophigen Liedes aus dem 15. Jahrhundert, Dirge, (harmlos mit Trauergesang übersetzt) ist  in Tat und Wahrheit die mittelalterliche, vorreformatorische Schreckensvorstellung des Dies Irae, der Tag der ewigen Abrechnung. Geradezu versöhnlich erklingt die anschliessende Hymn (Ben Jonson), eine „Nachtvariante“ mit griechischen Göttinnen voller Grazie, welche „den Himmel erhellen, wenn der Tag vorüber ist“.  Das Horn schweigt im Sonnet (John Kreats), einem Abgesang bestehend aus einem innigen Plädoyer für eine ungestörte Ewigkeit jenseits von Gottheiten („umschattet vom göttlichen Vergessen“), eine Art „weltliches Gebet“, wenn es so etwas überhaupt gibt… Ein letztes Mal erklingt das Horn – alleine, wie ein Mahnmal – eine Erinnerung wider das Vergessen?

1962 erklingt Brittens War Requiem in der neu errichteten Kathedrale von Coventry.

Barry Mills (*1949)

Homage (Uraufführung)

Meine Komposition «Homage»  entstand als Dank an das aob, welches im September 2007 mein Konzert für Mandoline und Gitarre in Basel uraufführte und mich mit meiner Frau zu diesem Anlass herzlich und gastlich empfing.

Der erste Satz trägt den Titel «Das Lächeln eines Kindes» und ist Ravel gewidmet, der in seiner Suite Ma Mère l’Oye (Mutter Gans) sehnsüchtig die Kindheit wachruft. Dabei nehme ich auf seine harmonische Sprache Bezug. Die zweite Reverenz gilt Satie und ist von dessen Gymnopédie No. 1 und Gnossiennes beeinflusst. Meine Huldigung an Holst ist vom eiligen, geflügelten Götterboten Merkur aus Holst’s Komposition «The Planets“ abgeleitet, mit rhythmischen und melodischen Zitaten. Die Widmung an Vaughan Williams beruht auf einem englischen Volkslied. Dieses erklingt zunächst in der Oboe, wobei jeweils eine Melodie der Solovioline jede Aussage des Liedes von der nächsten trennt. Deutlich hörbar sind im weiteren Verlaufe Vogelstimmen die überleiten in ein Zitat aus Vaughan Williams› The Lark Ascending (die aufsteigende Lerche). Meine Hochachtung vor Debussy bezieht sich auf sein gleichnamiges Prélude für Klavier, Feu d’artifice. Ich übernahm dessen Titel und Charakter. Der letzte Satz, Night Music, zitiert den Beginn des zweiten Satzes aus Bartók’s zweitem Klavierkonzert. Eine Folge von Akkorden in den Streichern weist meines Erachtens auf eine nächtliche Stimmung hin. Später kombinierte ich Klänge aus dem Konzert für Orchester dazu.

(sinngemässe, übersetzte und leicht gekürzte Fassung des Komponisten – wir verweisen auf die ausführliche Konzerteinführung um 19.15 Uhr)

Barry Mills wurde 1949 in Plymouth geboren. 1971 schloss er an der Sussex University erfolgreich in Biochemie ab. Fünf Jahre später kehrte er an die Uni zurück, um Musik zu studieren. Seine Lehrer waren David Osmond-Smith, David Roberts, Colin Matthews und Ann Boyd. Die dort erworbenen Kenntnisse in Komposition vertiefte er in intensivem Selbststudium. Er lebt in Brighton an der britischen Kanalküste.

Um sich wenigstens nachmittags ohne finanzielle Not der Musik und dem Komponieren widmen zu können, arbeitete Barry Mills jahrzehntelang jeweils frühmorgens als Postbote, bis er kürzlich frühpensioniert wurde. Von seinen Kammermusikwerken hat Claudio Records vier CDs herausgegeben. Die Pianistin Thalia Myers gab bei ihm das Klavierstück «Clouds» (Wolken) in Auftrag; sie spielte es im Rahmen ihres Albums «Spectrum 2» ein, das bei NMC erschien. Sein Orchesterwerk «Tartano» wurde 1997 von den Mährischen Philharmonikern unter Jiri Mikula in Tschechien uraufgeführt und erschien bei Vienna Modern Masters auf CD. Zahlreiche Interpreten, darunter die «Society for the Promotion of New Music“ und die Schweizer Ensembles „Quintetto Auletico“ (Bläser des Radioorchesters RSI) und „Quartetto di Sassofoni Arte“, brachten weitere Orchesterkompositionen und Kammermusik von Barry Mills zur Aufführung.

 

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